Donnerstag, 17. September 2015

Die Sache mit den Rezensionsexemplaren

Der Anlass für diesen Beitrag ist ein kleines Projekt der lieben Zeitzeugin. Unter dem Titel "Wir spielen" sammelte sie Texte, die auf unterschiedliche Weise das Thema "Spiele" behandeln und die zu einem festgelegten Zeitpunkt veröffentlicht werden sollen. Dabei stand es den einzelnen Autoren frei, ob sie über Videospiele, Brettspiele oder Pen & Paper schreiben wollten. Ihr findet alle Artikel hier: "Wir spielen" - eine Essaysammlung. Ich habe mich für das Thema "Games" entschieden und speziell für ein vielleicht etwas merkwürdiges Thema: das Anfordern von Rezensionsexemplaren. Warum?  Weil es mich im Laufe der Zeit immer wieder beschäftigt hat.

Gamer sind schon ein lustiges Völkchen. Natürlich gibt es Ausnahmen und nicht jeder kann Debatten über Sexismus, Homophobie, Rassismus oder Gewalt in Videospielen führen, ohne dabei seine gute Erziehung zu vergessen - sofern eine Erziehung stattfand. Trotzdem kann man auch immer wieder kreative und freundliche Köpfe zwischen den Reihen entdecken, die nicht nur Spaß am Spielen haben, sondern auch eine gesunde Portion Ehrgeiz mitbringen. Ehrgeiz, um aus dem Hobby etwas "mehr" zu machen.

Das Internet bietet für Gaming-Blogger viele Möglichkeiten, ihre Interessen und Meinungen mit der Öffentlichkeit zu teilen. Bei vielen stecken nicht einmal berufliche oder finanzielle Ambitionen dahinter. Doch auch als "Spaßblogger" wünscht man sich hin und wieder Unterstützung, um gute Inhalte produzieren zu können, ohne an der Masse der Neuerscheinungen auf dem Spielemarkt zu verarmen. Und was läge in diesem Fall näher, als sich an einen Publisher zu wenden? Als jemand, der beide Seiten kennt - also sowohl Rezensionsmuster angefordert als auch verteilt hat - möchte ich im Folgenden einige Tipps zum Thema "Wie fordere ich ein Rezensionsexemplar an?"geben.


1. Vorbereitung
Du hast dich dazu entschlossen, einen Blog über Videospiele zu eröffnen. Herzlichen Glückwunsch, damit gehörst du zu einer kaum zählbaren Masse an Menschen, die diesen Entschluss ebenfalls gefasst hat. Um dich also aus der Menge hervorzuheben und die Chancen auf ein Rezensionsexemplar zu erhöhen, gilt es vier Punkte zu beachten: Qualität, Quantität, Dauer und Feedback.
  • Qualität: Deine Artikel müssen keine Literaturkritiker vor Rührung zum Weinen bringen, aber sie sollten eine gewisse Qualität mitbringen. Dazu gehört neben einer angemessenen Recherchearbeit, Struktur und Schreibweise auch die Einhaltung der deutschen Rechtschreibung und Grammatik.
  • Quantität: Dieser Punkt gilt nicht nur für die Artikellänge, sondern auch für die Artikelanzahl. Eine Rezension sollte nicht nur aus ein paar Stichworten oder einem zweizeiligen Fazit bestehen und euer Blog nicht nur aus zwei Beiträgen. Damit begeisterst du weder deine Leser, noch einen Publisher.
  • Dauer: Heute den Blog erstellen, morgen schon die erste Mail an den Publisher schreiben? Viele Menschen beginnen spontan einen Blog, nicht alle bleiben langfristig dabei. Gib dir also selbst etwas Zeit, dich auszutesten, Artikel zu schreiben und eine Leserschaft aufzubauen. Damit demonstrierst du auch, dass das nicht nur ein kurzfristiges Interesse von dir ist.
  • Feedback: Baue dir eine treue Leserschaft auf. Diese sollte nicht nur aus Mutti und deinem besten Freund bestehen, auch wenn das schon ein guter Anfang ist. Aber wer keine Leser hat, braucht auch kein Rezensionsexemplar, um für diese einen Artikel zu schreiben. Du denkst, du bekommst erst Leser, wenn du ausschließlich teure Neuerscheinungen besprichst? Blödsinn. Egal, ob ältere Spiele aus der eigenen Sammlung, kostenlose Handyspiele,  größere F2P-Titel oder einfach nur kreative Gedankengänge zum Thema Games: Wer Spaß am Thema und am Schreiben hat, findet zu Beginn auch so genügend Material, um Leser zu begeistern.

2. Muster anfragen
Du besitzt nun einen Blog, der bereits seit einiger Zeit viele gute Artikel vorweisen kann und tatsächlich von Menschen gelesen wird. Damit hast du schon einen Großteil der Konkurrenz hinter dir gelassen und du bist bereit für deine erste Anfrage. Entscheide dich über ein Spiel, dass du besprechen möchtest, und informiere dich darüber. Dabei ist es wichtig, den richtigen Ansprechpartner herauszufinden. Für "Batman: Arkham Knight" im Vertrieb von EA nachzufragen, ist eher peinlich als hilfreich und ließe sich mit nur ein wenig Nachforschung vermeiden. Am besten sendest du dann deine Anfrage per Mail:
  • Beginne deine Mail mit einer Begrüßung und beende sie mit einer Verabschiedung. 
  • Verabschiede dich nicht mit deinem Spitznamen "Knuffelpuffel95".
  • Wähle eine Anrede ("Du" oder "Sie"), mit der du dich wohl fühlst. Normalerweise wird in der Branche geduzt.
  • Bemühe dich um eine korrekte Rechtschreibung und Grammatik. Denn egal wie familiär und locker die Gamesbranche wirkt: Auf der anderen Seite des Kabels sitzen fremde Menschen, auf die du einen guten Eindruck machen willst. 
  • Es heißt REZENSION und nicht REZESSION!
  • Beschränke dich bei der ersten Anfrage auf EIN Spiel, das dir wichtig ist.
  • Nenne das Spiel, die Plattform und deine vollständige Adresse. Dazu gehört auch der Blog, auf dem die Rezension erscheinen soll.
  • Vermeide Sätze wie "Das ist doch Werbung für euch!" oder "Ich habe den tollsten Blog der Welt! Ihr wärt dumm, wenn ihr mir nichts schickt." Persönlich finde ich auch Wörter wie "Muster ordern" oder "bestellen" unpassend. Es handelt sich bei der Anfrage nicht um einen Kauf und der Blogger hat auch kein natürliches Anrecht auf eine freie Auswahl aller Muster der letzten zehn Jahre. Bleib realistisch.
  • Du musst nicht erklären, was ein Blog oder ein Let's Play ist.
  • Aber vor allem: Sei höflich.

3. Muster erhalten
Nun musst du nur noch auf eine Antwort warten. Bei dieser gibt es zwei Möglichkeiten: Ja oder Nein.
  • Ja: Sehr gut! Du wirst nun entweder einen Key per Mail oder eine Retail-Version per Post erhalten. Versuche das Spiel in einer angemessenen Zeit zu spielen und eine Rezension zu verfassen. Über deinen Ansprechpartner oder einen  Presseserver kannst du auch offizielles Bildmaterial bekommen, um deinen Artikel ansprechend zu gestalten. Sei bei deiner Rezension vollkommen ehrlich. Ein seriöser Publisher möchte keine "gekauften" Rezensionen und auch deine Leser wollen keine vorgefärbe Meinung. Wenn du Kritikpunkte hast, versuche diese zu belegen und sei dabei fair. Zum Schluss kannst du noch für deine Leser darauf hinweisen, dass du das Spiel zur Verfügung gestellt bekommen hast. Sobald der Artikel veröffentlicht wurde, schicke deinem Ansprechpartner kurz einen Link der Rezension zu. Juhu, alle können sich freuen!
  • Nein: Schade, aber manchmal klappt es einfach nicht. Dies ist kein Grund, aufzugeben, zu betteln oder gar beleidigend zu werden. Eine Absage bedeutet keine Geringschätzung deiner Person. Meist ist der Andrang einfach zu groß und die Anzahl der Muster zu gering. Oder das Spiel war schon etwas älter und dadurch nicht mehr vorrätig. Es ist übrigens ein Irrglaube, dass PR-Abteilungen magische Maschinen besitzen, die bei Bedarf eine unendliche Anzahl an Rezensionsexemplaren ausspucken. Falls du jedoch tatsächlich häufiger Absagen erhältst, lass dir ein kurzes Feedback geben, was du verbessern kannst.

Diese "Anleitung" basiert natürlich auf meiner eigenen Erfahrung und Meinung. Jedem steht es frei zu entscheiden, ob und wie er Muster anfordert. Und auch ein herzliches "Ey, Alda!" zu Beginn einer Mail hat sicher schon einmal zum Erfolg geführt!

Kommentare:

  1. Alle diese Punkte könnte ich auch als Bücherbloggerin voll unterschreiben - wobei Buchblogger inzwischen seltener um Rezensionsexemplare bitten müssen. Sie werden häufiger selbst angeschrieben, ob sie ein Buch lesen und bewerten wollen.
    Wie ist das bei einem Gamingblog? Wurdest du auch schon von Publishern angeschrieben, ob du ihr Spiel testen willst? :)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich persönlich nicht, aber über "Zockwork Orange" kommen hin und wieder Angebote rein, ja. Aber die Tipps richten sich auch eher an Blogger, die erst anfangen. Und man bekommt ja auch als "größerer Blog" nicht jedes Spiel angeboten. :-)

      Aber du hast recht. Viele Punkte lassen sich sicherlich auch für andere Medien anwenden. :-)

      Löschen
  2. Eigentlich sind das doch fast alles Sachen, die selbstverständlich sind D: (vielleicht von Fragen wie "wieviele Besucher sollte mein Blog haben" und so abgesehen.) Sind die meisten Leute denn echt so dummdreist?

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Die meisten vielleicht nicht. Aber es gibt trotzdem noch erschreckend viele, die das nicht hinbekommen. Ich befürchte aber, dass das auch in anderen Bereichen der Fall ist. Es gibt Menschen, die können einfach keine "offiziellen Mails" schreiben. :-/

      Löschen
  3. Anders herum gibt es auch die Leute, die sich nie trauen, etwas anzufragen und teilweise jahrelang herumkrebsen und denken "Ich muss mit meinem Blog erst besser werden". Und dann gibt es da noch die Leute, die gar nicht wissen, dass man Dinge anfragen muss, die darauf warten, dass alles von alleine kommt und sich dann wundern, wenn es eben nicht kommt. Ernsthaft.

    Sehr schöner Text übrigens :)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke! :-)

      Und ja, man könnte noch so viel zu dem Thema schreiben. Aber es ist jetzt schon so ein Textschwall. Hatte die Befürchtung, dass das keiner mehr lesen will. xD

      Löschen
  4. Eine super Anleitung :) Ich hab zwar keinen Gaming-Blog, aber ich denke mal, dass es ähnlich ist, wie bei Buchrezensionen und anderen Dingen. Auf jeden Fall sehr gelungen, deine Zusammenstellung!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ja, es ist sehr ähnlich, aber es gibt sicher noch den ein oder anderen Tipp, den man bei Buchverlagen zusätzlich beachten sollte. Ich kenne beide Seiten nur aus der Gamesbranche, daher kann ich mich nur dazu sicher äußern. Und danke! :-)

      Löschen